Montag, 9. Juli 2018

Encontro das Águas


Der Amazonas stand für mich ja absolut "im Zentrum" meines diesjährigen Aufenthaltes in Brasilien. Schon lange hatte ich vor, dass ich diese Region Amazonien mitsamt des mich schon als kleinen Jungen faszinierenden Regenwalds für mich "erobere". Ich erinnere mich noch so gerne, wie ich damals als kleiner Junge in der Mickey Mouse ein Special über den Regenwald gelesen habe, natürlich ging es zu Beginn der 90er viel um die Abholzung und es gab sehr starke internationale Kritik, aber ich finde es immer noch irgendwie unglaublich, dass sich diese sogar in einem Disney-Magazin für Kinder wiederfand. Aber für mich war damals klar als kleiner Knirps: Der Regenwald muss beschützt werden! 
So sehr hat er mich in seinen Bann gezogen und ich habe mit stolz so eine kleine "Urkunde" aus der Mickey Mouse an die Wand meines Zimmers gepinnt, mit der man (durch seine Unterschrift und einen kleinen Spendenbeitrag) zum Schutz vor Abholzung "beitragen" konnte, sozusagen hatte man dann symbolisch seine 1x1 Meter große Parzelle, für die man eine "Patenschaft"übernommen hat. Ich habe das später nie überprüft, ob es da von Disneys Seite überhaupt etwas gegeben hat, was über "Symbolik für Kinder" hinausging aber ich habe da oft dran gedacht als kleiner Junge: "Irgendwann will ich meine kleine Parzelle Urwald mal sehen" ;-) :-) Der Regendwald und ich, der Amazonas und ich ... etwas, was mir als Kind soooo weit entfernt schien, wie aus einer anderen Welt. Doch es war immer ein Teil meines "ganzheitlichen Brasilien-Bildes" und so stand dieser Teil in diesem Jahr absolut im Zentrum: Da wollte ich hin, unbedingt ... so beschwerlich es auch sein mochte (dazu später mehr!). Aber erstmal begann die Beziehung von mir und dem Amazonas auf recht entspannte Art und Weise:

Im Amazonasbecken gibt es drei Arten von Flüssen: Negro (schwrz), branco (weiß) und claro (klar). Weißwasserflüsse (tatsächlich sind sie eher beige) kommen aus den Anden und erhalten ihre Farbe von den Sedimenten dieser relativ jungen Berg. Solche Flüsse - darunter der Rio Solimões und der Madeira - sind nährstoffreich und daher Lebensraum zahhloser Pflanzen und Tiere.
Schwarzwasserflüsse wie der Rio Negro und der Rio Urubú entspringen im nördlichen Amazonien und fließen durch wesentlich älteres Land, aus dem die Sedimente längst fortgespült wurden. Sie sind in der Regel langsamer und wärmer als Weißwasserflüsse (die immerhin vom Schnee der Anden gespeist werden). Deswegen können Pflanzen in ihnen verrotten und organische Säuren freigeben, die das Wasser "schwarz" (eigentlich teerbraun) verfärben. Die Säuren töten auch die Moskitolarven, weswegen in Schwarzwassergebieten von diesen erstaunlich wenige und entsprechend selten Fälle von Malaria und anderen Krankheiten auftreten. Klarwasserflüsse führen weder die Sedimente der weißen noch die organischen Säuren der schwarzen Flüsse mit sich.

Einige Kilometer südlich von Manaus kommt es zu einem spektakulären Naturschauspiel, dem Encontro das Águas, dem großen "Zusammentreffen der Wasser", der Flüsse.
Hier ergießt sich der warme, dunkle Rio Negro in den kühleren, cremfarbenen Rio Solimões. 
Wegen der Temperaturunterschiede, der unterschiedlichen Fließgeschwindigkeiten und Dichte (der Rio Solimões transportiert acht Mal mehr Sedimente als der Negro) vermischen sich die Wassermassen aber zunächst nicht, sondern fließen mehrere Kilometer gemütlich nebeneinander her. Rio Solimões hat seine Quellen in den Anden und ist ein gelbbrauner Weißwasserfluss, während der Rio Negro im nordwestlichen Amazonasbecken entspringt und Schwarzwasser führt. vereinigen sich beide Flüsse und bilden den Amazonas. Über 6 Kilometer fließen die Wasser beider Flüsse nebeneinander her, bevor sie sich langsam vermischen. Dieses Phänomen tritt überall in Amazonien auf, doch nirgendwo sind die Farben so klar voneinander abgegrenzt wie hier.

Ich war wirklich begeistert von diesem kleinen Trip, hatte vorher gar nicht so viel erwartet aber das Feeling an dieser Stelle, ist einfach unglaublich: Man schaut kilometerweit, bis zum Horizont und sieht diese beiden Wasserfarben so nebeneinander und denkt sich: "Das kann doch jetzt einfach nicht sein!" Wow!

Außerdem habe ich gerade ein neues brasilianisch-portugiesisches Lieblingswort für mich entdeckt: "Vitória-régia", so heißen die Amazonas-Riesenseerosen... das Wort klingt nicht nur unglaublich schön, sie sehen auch sehr hübsch aus und es ist irgendwie surreal, wie viel Gewicht sie in der Lage sind "zu transportieren". 
Das war erst der "kleine Anfang" von meiner Beziehung mit dem Amazonas und es sollte noch eine Menge folgen, doch begeistert war ich schon jetzt nach meinem ersten Tag auf DEM Wasser! 
































"projeto 66" ;-)



Wer mich kennt, der weiß ja: Immer schön neue Guaraná-Sorten entdecken und ausprobieren. Lecker! :-)

















Cafézinho... unglaublich süß!








Sonntag, 8. Juli 2018

Cumbuco




Der Strand von Cumbuco liegt nur 40 Kilometer von Fortaleza entfernt und ist einer der beliebtesten der Einheimischen, so dass es dort am Wochenende unglaublich voll ist. Letztes Jahr habe ich es irgendwie "verpasst" hierhin zu fahren, so dass ich das dieses Jahr unbedingt nachholen wollte. Ich war dann relativ überrascht, dass gar nicht mal so sehr der Strand das eigentliche Highlight war (da gibt es für mein Empfinden nach durchaus "interessantere" in beide Richtungen der Stadt), sondern das Bugy-Fahren. Hui, ihr wisst ja, wie es um meinen Magen bestellt ist... Ich hab das letztes Jahr in Jeri und in den Dünen von Parnaíba letztes Jahr ein paar Mal gemacht, aber das waren immer nur kurze Fahrten, die Spaß gemacht haben, aber dann auch genug waren irgendwie. 
Und nun habe ich mich mal richtig drauf eingelassen. 2,5 Stunden Tour mit einem supernetten Fahrer, einige Stops zwischendurch zum Baden und Dünen-Reiten ... und ziemlich viel Adrenalin. Am Ende war ich fix und fertig und musste  mich dann am Strand erstmal ne Stunde ausruhen. Ich bin definitiv auf den Geschmack gekommen. Das Feeling so eine Düne in so richtig heftiger Steigung hinunterzubrausen ist einfach unglaublich... lässig auch irgendwie. ;-)











 
















Samstag, 7. Juli 2018

dem Namen alle Ehre machen (ein Fort, vielleicht etwas sicherer jetzt?)





Mein letzter Eintrag hier über die Gewaltproblematik in Fortaleza, in dem Viertel, wo ich untergekommen bin und in Brasilien insgesamt sowie die Situationen aus dem letzten Sommer als ich zum Ende meiner Reise in Fortaleza die schreckliche Erfahrung machen musste, wie es sich anfühlt, wenn in Sichtweite Gangmitglieder um sich schießen und sich gegenseitig umbringen, waren natürlich Aspekte, auf die ich mehrfach in Deutschland auch angesprochen wurde. 
Ich war gespannt bei meiner Ankunft, wie sich die Situation rund um die Orla (Strandmeile) hier am Strand von Iracema sowie in der Favela Baixa Pau hier direkt um die Ecke meiner Pousada entwickelt hat und was sich verändert haben könnte. 

Auffällig ist, wie unglaublich präsent die Polizei hier nun auf der gesamten Strandpassage( 5 Kilometer) nun ist. Alle paar Hundert Meter, an diversen Straßenkreuzungen sowie auch direkt am Strand sind sie nun postiert ... das habe ich so krass auch noch in keiner anderen Strandmetropole hier in Brasilien erlebt. Es kam mir hier teilweise fast so vor, als dass es kaum möglich ist ein Foto zu machen, ohne die Polícia mit drauf zu haben, aber nun gut. (siehe unten)

Die ganzen Gewalt - und Drogenexzesse der letzten Zeit scheinen nun dann doch zumindest oberflächlich bei den Politikern angekommen zu sein. 
Es fühlt sich auf jeden Fall ganz anders an von der Wahrnehmung, wenn ich hier abends entlang schlendere. An der Party-und Feier-Meile hier direkt um die Ecke meiner Pousada haben sie sogar jetzt eine richtig "feste" kleine zusätzliche Polizeistation errichtet und teilweise fühlt es sich einfach nur bizarr an, wenn das große gepanzerte Polizeiauto dann hier vor meiner Pousada auf dem belebten Platz zwischen Inlinefahrer-Kindern, Skateboardern und kleinen Mädchen auf Rollschuhen seine Runden dreht. Einfach mal mitten durchfahren, warum nicht. Vom einen Extrem zum anderen...aber gut. 

Ich habe mit Robério weiter viel über dieses Thema gesprochen und er meinte, dass natürlich hier an der Orla versucht wird, dass sich die Leute mit Geld zumindest etwas sicherer fühlen, aber das sich grundsätzlich an den Zusammenhängen der Gang- und Drogen-Problematik in der Stadt nichts geändert habe. Ich werde bei meiner Rückkehr Ende des Monats mal genau verfolgen und nachlesen, inwiefern sich die Zahlen der Morde und Überfälle vielleicht etwas verändert haben könnte...ein erster Blick auf die Blogs und News-Seiten der Zeitungen lässt mich aber leider überhaupt nicht zu dem Schluss kommen.  

An der Situation im Centro hat sich jedenfalls nichts verändert. Beine in die Hand nehmen nach 18 Uhr und auch die zentrale Favela genau neben dem Tourismuskomplex "oitão preto" ist weiterhin die Pulsader für alles Negative, was man sich nur vorstellen kann. Und das weiterhin direkt hinter einem Riesen-Neubau eines Gesundheitszentrums, direkt gegenüber dem teuersten Hotel der Stadt und nur einen Steinwurf des Sitz des Militärkommandos entfernt. Ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich einfach nur den Kopf schütteln kann...

" Der intensive Verkehr in dieser Favela speist mehrere Punkte des Drogenkonsums im Zentrum, bekannt als "cracolândias". Einer von ihnen liegt ganz in der Nähe der Favela, an der Ecke der Straßen neben dem Tourismuszentrum und nur zwei Blocks von der Kathedrale und den Kasernen der 10. Militärregion entfernt.

Der Drogenhandel in dieser Favela "versorgt" andere im Zentrum von Fortaleza registrierte Straftaten wie Morde und Tötungen, Raubüberfälle und Raubüberfälle sowie das Einbrechen in Geschäfte und kommerzieller Einrichtungen. Alles, was gestohlen wird, wird schließlich in Oitão Preto gegen Drogen verkauft. Auch aufgrund der Streitigkeiten der Dealer und der Fraktionen untereinander sowie durch oftmals vorkommene die Schulden der Abhängigen kommt es zu zahlreichen Tötungsdelikten."










Im Zusammenhang mit meinen Gedanken oben bin ich auf das folgende Interview gestoßen. Es beschäftigt sich zwar mit einer etwas anderen Problematik (Die überlastete Situation in den Gefängnissen), aber es zeigt ein paar Zusammenhänge zwischen den Themen Gewalt, Drogenproblematik, Gefängnis-und Resozialisation, Politik gut und 
verständlich auf.

"
Die Wahrscheinlichkeit, dass in vielen brasilianischen Wohnzimmern bei Fernsehbildern von dem Massaker in dem privat verwalteten Gefängnis der Amazonasmetropole Sätze fielen wie: „Genau das haben sie verdient“ oder Ähnliches, ist ausgesprochen groß. Und keineswegs nur in besonders gut ausgestatten Wohnzimmern, schließlich leiden in erster Linie Menschen in Slums oder armen Vierteln unter dem Krieg von Drogenbanden – unter sich, und mit der Militärpolizei. Und die Medienberichterstattung war, außer wie üblich blutrünstig (schließlich gibt es hier Fernsehkanäle, die nur über Kriminalität berichten) auch uniform: Ein Krieg der großen Kartelle, ein Angriff auf das wohl gegenwärtig mächtigste von ihnen, das erste Kommando der Hauptstadt (PCC). Das nur wenige Tage später – nach verbreiteter Androhung – den obligatorischen Gegenangriff organisierte. LabourNet Germany sprach mit Tarciso Soares und Maria Aparecida Souza von der Initiative „Meine Freiheit ist keine Ware“ im (fernen) Bundesstaat Minas Gerais über die Rolle der Kriminalität, der Medien und des Staates in einem Land, das zu denen gehört, die die größte Zahl von Gefangenen hat, und dabei den größten Prozentsatz von dunkelhäutigen Menschen, die wegen Bagatelldelikten monatelang – mindestens monatelang – im Gefängnis auf ihren Prozess warten müssen. Es ist einer der Gründe, warum sich diese sehr aktive und schnell anwachsende Initiative gegründet hat – und erst recht gegen die Privatisierung des Justizvollzugs. Das Telefoninterview „Manaus ist ein Spiegelbild Brasiliens“ mit Tarciso Soares und Maria Aparecida Souza von Helmut Weiss ist vom 07. Januar 2017

„Manaus ist ein Spiegelbild Brasiliens“
56 Tote in Manaus an Neujahr, wenige Tage später, am 6. Januar weitere 33 in Roraima – was passiert da gerade in den brasilianischen Gefängnissen? Ist das tatsächlich der Krieg zweier Kartelle, wie es die Medien behandeln?

Tarciso: Ja, ist es natürlich – auch. Aber die ganzen Fragen, die in diesem Zusammenhang bestehen, die werden hinter dem medialen Trommelfeuer „Drogenkrieg“ weg geblendet, nicht gestellt. Das fängt an bei der Frage nach den Opfern – waren das wirklich alles Mitglieder des PCC in Manaus? Wenn man beispielsweise die Stellungnahmen der Gefängnispastorale von Amazonas zur Kenntnis nimmt, dann waren da durchaus auch andere Menschen, die dem zum Opfer gefallen sind. Und das wäre ja nur die erste Frage, dahinter kommen noch sehr viele weitere…

Wie beispielsweise die Frage, wie eigentlich das Gefängnissystem organisiert ist?

Maria Aparecida: Schau mal, wir haben da zuerst einmal eine politische Atmosphäre, in der es normal ist, Menschen, die sich für die Rechte von Gefangenen einsetzen, und auch generell Menschenrechtsaktive überhaupt als jemand, der sich für die Drogenbanden einsetzt zu stigmatisieren, eine propagandistische Zuordnung, die durchaus Wirkung zeigt, viele Menschen sehen das heute so. Wie etwa in Mexico, Kolumbien oder den USA ist der „Krieg gegen die Drogenhändler“ zentrales Leitmotiv der Justizpolitik in diesem Land. Wir haben die viert höchste Zahl von Gefangenen auf der ganzen Welt, über 650.000, und es wird geschätzt, dass bis zur Hälfte von ihnen in Untersuchungshaft ist, Ewigkeiten lang, weil der Justizapparat zwar fürstliche bezahlte Richter hat, aber zu wenig Geld, um genügend Menschen zumindest mit der Beurteilung der Fälle zu betrauen. Wenn Du jetzt das Gefängnis in Manaus nimmst, das COMPAJ, so ist dafür angegeben eine maximale Gefangenenzahl von 592, zusammengenommen mit dem halboffenen Vollzug. Einsitzen mussten hier aber stattdessen sage und schreibe 1826 Häftlinge, also rund das dreifache der Kapazität. Damit fängt es schon an, weil das natürlich Spannungen schafft und verschärft und weil es gar nicht anders geht, als dass jemand, der irgendwo etwas zu essen gestohlen hat, zusammengesperrt wird mit jemand, der schwere Verbrechen begangen hat.

Und was hat es mit der Meldung auf sich, das Gefängnis von Manaus sei ein privat geführtes?

Tarciso: Die stimmt und zwar endgültig seit 2014, vorher gab es wohl schon Teilverträge. Dazu gibt es vorweg zwei Dinge zu sagen. Zum einen gab es Stellungnahmen der Regierung des Bundesstaates Amazonas und der Umanizzare, des Unternehmens, das den Vertrag zum Betreiben des Gefängnisses bekommen hat, die sich widersprechen, was die Verteilung der Aufgaben betrifft. Speziell über das zentrale Thema, wer denn nun genau die Aufsicht über und die Befehlsgewalt gegenüber den Gefangenen hat, und das wäre ja schon eine Kernfrage eines solchen Vertrages. Und zweitens muss gesagt werden, dass dies ja kein Einzelfall ist, in allen Bundesstaaten gibt wenigstens solche Bestrebungen, den Vollzug zu privatisieren, in den meisten gibt es das eine oder andere sogenannte Modellprojekt und in einigen ist eben schon damit begonnen worden, zu privatisieren. Diese Bestrebungen in unserem Bundesstaat hier waren es ja auch, weswegen sich unsere Initiative gegründet hat, die nicht umsonst eine Initiative ist, die vor allem aus Familienangehörigen von Inhaftierten besteht. Das gefängnis in Ribeirão das Neves ist eine sogenannte öffentlich-private Partnerschaft. Und wenn Du jetzt die Meldungen über das zweite Massaker, die 31 – oder wie viele auch immer – Todesopfer von Boa Vista siehst, dann war das kein Krieg zweier Kartelle, sondern die wurden hingerichtet, was erneut darauf hinweist, dass sie nicht organisiert waren, sonst hätte es ja Gegenwehr gegeben. Also, umso mehr Grund für Familien, um ihre inhaftierten Angehörigen sich Sorgen zu machen.

Ohne Hoffnung darauf, dass die Regierungen etwas verändern?

Tarciso: Nun, unser so genannter Präsident und sein Justizminister haben ja bereits reagiert mit einem neuen Sicherheitsplan. Das Problem damit ist, dass er durch eine einzige Orientierung geprägt ist, nämlich „Weiter so, mehr von demselben“. Es sollen noch mehr festgenommen werden, es soll verstärkt privatisiert werden. Dies geschah, das sollte man nicht vergessen, vor dem Hintergrund, dass die Gouverneurin von Roraima, wo das zweite Massaker der Woche stattfand, bereits im November die Bundesregierung um Hilfe gebeten hatte, um die Situation in den Gefängnissen des Landes in den Griff zu bekommen – was die Bundesregierung damals, vor zwei Monaten also, wie jetzt gerade bekannt wurde, rundweg abgelehnt hat und jetzt haut er auf die Pauke und will Handlungsstärke demonstrieren, der Herr Moraes.

Maria Aparecida: Sie haben ja einen Plan, etwas Neues zu machen, so ist ja nicht. Der Plan heißt: Die Armee muss für Ruhe sorgen, denn die Bewaffnung der Kartelle ist so gut, dass nichts anderes hilft. Und da gibt es gerade eine enorme Kampagne, etwa wieder bei TV Globo, ständig unter dem Motto „anders geht es nicht mehr“. Und ich kann Dir sagen, dafür gibt es bestimmt eine Mehrheit im Land, so sind die Verhältnisse, nach all den Jahren.

Und was wäre Eure Alternative?

Maria Aparecida: Oh Gott, da ließe sich so viel sagen, das ist ja eine ganz andere Art Politik zu machen. Aber, vielleicht verständlich für Menschen, die das nicht so genau kennen, wäre es, folgende drei Punkte ins Zentrum zu rücken. Zum einen muss man verteidigen, dass die Privatisierung der Strafjustiz in Wirklichkeit von der brasilianischen Verfassung verboten ist, das ist da sehr genau formuliert, jegliche Privatisierungspolitik ist also zunächst einmal ein Verfassungsverstoß  – auch, und gerade weil, private Unternehmen nicht in der Lage sind, den Grundgedanken, die Leitidee der Resozialisierung zu verwirklichen. Wie willst Du Resozialisierungsmaßnahmen abrechnen? Zum zweiten muss die Politik umkehren: Nicht mehr, sondern weniger einsperren ist die Lösung, auch wenn dies auch in der Bevölkerung auf Widerstand stößt. Und drittens bleibt es dabei, dass eine ganz wesentliche soziale Grundlage der Kriminalität abgeschafft werden muss, die Armut nämlich. Das alles vor dem Hintergrund, dass dies ja nun absolut kein Einzelfall ist: Was im Ausland bekannt war, war das Massaker von Carandiru, als die Militärpolizei über 100 Häftlinge erschoss, vor 25 Jahren. Heute wird gesagt, dieses oder jenes Gefängnis werde von dieser oder jener Bande kontrolliert. Und dann schickt man den kleinen Ladendieb hinein, und wie soll er dann heraus kommen? Wir hatten solche Tötungen etwa  2002, als 27 Menschen im Gefängnis Urso Branco, im Bundesstaat Rondônia getötet wurden; wir hatten sie auch 2004, da starben über 30 Menschen in der Benfica in Rio de Janeiro;  oder auch 2013, als es weitere 13 Tote im Bundesstaat Maranhão gab.

Bliebe noch die Frage, wie diese Justizpolitik der regierenden Rechten Brasiliens in Zusammenhang und Verbindung steht mit der gesamten Politik, die von dieser Mannschaft bei ihrem ungewählten Amtsantritt eingefordert wurde?

Tarciso: Da muss ich zuerst darauf verweisen, dass die große Debatte der letzten Zeit es war, die Strafmündigkeit zu senken, weil, so die ausgesprochen intensive Propagandakampagne durchweg, die Banden einfach Jugendliche als Täter einsetzten, die dann angeblich straffrei blieben. Eine Debatte im Übrigen, die einige Jugendliche das Leben gekostet hat. Und diese Debatte ist bereits noch zur Zeit der PT Regierung von dieser durchaus positiv aufgenommen worden, zumindestens von wichtigen Teilen dieser Regierung. Es ist also keineswegs nur die brasilianische Rechte, die das so betreibt, die hat dann eher die Spezialität, härtere Strafen zu fordern, ganz nach dem alten Motto „Nur ein toter Bandit ist ein guter Bandit“. Das hat ja gerade der Gouverneur von Amazonas sozsuagen exemplarisch vorgemacht, als er im Fernsehen sagte, das wären ja keine Unschuldigen gewesen, die da gestorben seien – und niemand hat ihn gefragt, welches Gericht sie den zum Tod verurteilt hätte, was es ja in brasilien gar nicht geben darf. Ansonsten liegt der Zusammenhang mit der generellen Politik dieser Regierung auf der Hand: Der von den Unternehmen so vehement eingeforderte verstärkte Sparkurs wird umgesetzt, etwa mit der Deckelung  der Ausgaben in den Staatshaushalten. Da stand dann, völlig zu Recht, in der öffentlichen Debatte und auch in Protest und Widerstand, das Erziehungswesen und auch das Gesundheitswesen im Mittelpunkt. Aber das bedeutet natürlich daneben auch Einsparungen in allen Personalausgaben des öffentlichen Dienstes – und es gibt heute schon eine ganze Reihe von Bundesstaaten, die mit der Bundesregierung die Konditionen aushandeln müssen, unter denen sie ihre Schulden bei der Bundesverwaltung zurückzahlen müssen, gestundet bekommen, oder was auch immer. Nicht umsonst hast Du aktuell immer mehr Proteste von Menschen, die im Landes- oder Kommunaldienst arbeiten.

Maria Aparecida: Ja und Du hast auch immer mehr Proteste von Polizisten, Militärpolizei, Zivilpolizei, Feuerwehrleute. Und, erst neulich, von Gefängniswärtern. Das heißt, die generelle Ausrichtung der Politik der Regierung Temer verschärft die ohnehin extrem angespannte Lage in den brasilianischen Gefängnissen weiterhin und schafft so überhaupt erst die Voraussetzungen, dass in der Tat Banden die Herrschaft innerhalb des Justizvollzugs übernehmen können.

Tarciso: Nicht zu vergessen schließlich die Sozialpolitik dieser Regierung, die auf Raub basiert. Jetzt hat sie den Mindestlohn erhöht – zum ersten Mal seit 2003, dies war eben eine der wenigen Sachen, die bei der PT schon anders waren, liegt diese Erhöhung unterhalb der Inflationsrate. Also werden die Menschen erneut in die Armut getrieben, es wird wieder mehr geben, die verurteilt werden, weil sie Mundraub begangen haben. Wenn Du dann noch die Rentenreform der Temer-Leute dazu nimmst, dann hast Du den nächsten Grund dafür, weshalb auch alte Menschen immer öfter in der Kriminalstatistik auftauchen.

Ja, soweit vielen Dank für Eure Antworten – und die abschließende Frage, ob Ihr noch etwas loswerden möchtet?

Maria Aparecida: Nur zwei kleine Details, im gesamten Zusammenhang gar nicht so wichtig, aber schon zur Erhellung der Situation im Brasilien dieser Regierung beitragend. Einerseits ist der Herr Justizminister, der wie Tarciso gesagt hat, jetzt Handlungsstärke demonstrieren will, nichts anderes, als ein früherer Anwalt der PCC, und da er nicht unbedingt als Vorkämpfer von Gefangenenrechten durchgeht, wirft dies schon auch die eine oder andere Frage auf…Und zweitens, der Gouverneur hat unter den Unternehmen, die für seine Wahlkampagne spendeten, auch eben jenes Unternehmen Umanizzare, die das Gefängnis von Manaus betreibt. Ich bin jetzt niemand, die besonders viel über Korruption und Ähnliches nachdenkt, aber irgendwie musste ich das noch los werden, weil es ja das skizzierte Bild abrundet."